Vom Entsorger zum Versorger
von GF Dr. Alfred Egger
Der Begriff Abfallwirtschaft ist ein sehr junger. Standen in den 1980ern die ordnungsgemäße Abfallbeseitigung und die Vermeidung von Deponievolumen im Vordergrund, so betrachten wir heute Siedlungsabfälle im Gesamten als Rohstoffe für eine weitere Verwendung.
“End of Pipe” Konzepte
Als im Jahr 1992 die erste österreichische Verpackungsverordnung in Kraft trat, waren wir alle guter Hoffnung, dass es zumindest im Verpackungsbereich eine wesentliche Änderung beim Ausgangsprodukt geben würde. Die Überlegung war der Konsument würde aufwendig verpackte Waren, die ja gemäß der Kostenwahrheit teurer verkauft werden hätten sollen, meidet und verstärkt durch größeres Umweltbewusstsein auf wenig verpackte Waren greifen würde. Mit der Ausnahme von Zahnpastatuben, die nun ohne Karton im Regal stehen, gab es nicht viele Änderungen. Da Verpackungen Werbeträger sind und Umverpackungen über die Menge des Inhaltes täuschen können, hatte der Handel bei diesem Konzept ein kräftiges Wörtchen mitzureden. Durch die flächendeckende Sammlung von Einweggebinden konnte man gerne auf Mehrweg verzichten. Wenn nun in der neuen Rahmenrichtlinie für Abfälle der EU statt der dreistufigen eine fünfstufige Abfallhierarchie vorgegeben wird, dann wird sich am oben festgestellten Prinzip nicht viel ändern. Schon gar nicht in jenen Ländern, die bei der Abfallbeseitigung stecken geblieben sind und diese teilweise auf einem Niveau durchführen, das bei uns vor 40 Jahren herrschte.
Nur noch 1/3 im Restmüll
So wenig die Konzepte zur “Vermeidung” (erstes Prinzip) und “Vorbereitung zur Wiederverwendung” (zweites Prinzip) nachhaltig umgesetzt werden konnten, so erfolgreich waren Deutschland und Österreich beim “Recycling” und der “sonstigen Verwertung” (z.B. “energetische Verwertung”). Die in der folgenden Grafik dargestellte Entwicklung des Siedlungsabfalles (Hausmüll, Sperrmüll und Altstoffe in kg/Einwohner und Jahr) im ATM-Bereich bestätigt dies eindrucksvoll.
Waren es im Jahre 1993 noch 197 kg/EGW, so produzierte jeder Einwohner 15 Jahre später 323 kg/Jahr. Jedoch nur mehr ca. 1/3 des Siedlungsabfalles ist “Restmüll”. Aber auch dieser Teil wird ab 2008 nicht mehr vergraben. Querdenker sagen zwar, Deponien, die in den 1990ern nach dem Stand der Technik errichtet und betrieben wurden, seien Rohstofflager für die Zukunft. Die dabei entstehenden Methanemissionen (nicht 100% quantifizierbare Klimarelevanz) veranlassten aber, von dieser Art der Beseitigung Abstand zu nehmen.
Tirol war zwar unter jenen Bundesländern, die am längsten ihre (hochmodernen) Deponien nutzten, übersprang damit aber die Periode “alles in einen Ofen” (Gesamtmüllverbrennung).
Mit der Sortierung und Aufbereitung des Restmülls erreichen wir nun die maximale Verwertungsquote. Durch ein innovatives System von verschiedenen Trennaggregaten werden die Abfälle nach ihrem Heizwert sortiert und von Schadstoffen befreit. Letzteres ist besonders wichtig, da z.B. PVC (1 kg enthält 1/2 kg Salzsäure) bei allen thermischen Verwertungsprozessen Korrosionsschäden verursacht. Durch eine getrennte Erfassung von Elektronikschrott konnte zwar eine spürbare Verbesserung erreicht werden, trotzdem ist dieser Teil noch immer der Hauptemittent von Schwermetallen im Restmüll. Die so gereinigten Brennstoffe werden statt fossiler Energieträger in der Industrie oder bei Heizkraftwerken verwertet.
Grenzen des Recyclings ausloten
Auch ein wesentlicher Teil der getrennt gesammelten Kunst- und Verbundstoffe wird thermisch Verwertet. Die Frage, ob es nicht Sinn machen würde, diesen Teil günstiger über den Restmüll (der ja letztlich auch verbrannt wird) zu erfassen und zu verwerten, haben 3,4 Mio. Einwohner in Österreich mit Ja beantwortet. In Tirol hat es einen Aufschrei bei jenen gegeben, die befürchten, dass ihre Sammel- und Sortierleistungen eingeschränkt werden könnten. Dieses Thema am Rücken des Konsumenten auszutragen ist jedenfalls nicht richtig. Man sollte ihm in der Zukunft die Entscheidung freistellen, ob er die Kleinverpackungen über die “Gelbe” oder “Graue Tonne” thermisch verwerten lassen will. Ihm eine 100%ige stoffliche Verwertung vorzugaukeln führt zu Gegenreaktionen und zu bekannten Aussagen wie: “Die werfen sowieso wieder alles zusammen”.
Um eine möglichst objektive Entscheidungsgrundlage zu erhalten, was stofflich und was thermisch zu verwerten Sinn macht, sollten deshalb umfassende Studien in Auftrag gegeben werden. Damit könnte Planungssicherheit für alle Seiten erreicht werden. Die EU hat, wie oben erwähnt, dazu eine klare Hierarchie vorgegeben.
Verwertungsquote über 90%
Nur das, was nicht recycelbar ist, sollte energetisch verwertet werden. Diese Vorgabe sollte in die AWG-Novelle so einfließen, dass jene Teile Österreichs, die sammeln und viel stofflich verwerten, einen Vorteil haben. Derzeit ist es leider umgekehrt (siehe Dezember-Forum). Durch die Festlegung von unrealistischen Fehlwurfquoten werden diese bestraft. Mit Inbetriebnahme der MA Ahrental werden wir die Gesamtverwertungsquote auf über 90% anheben können (diese Zahl zu steigern wäre nur mehr durch die Verwertung der verbleibenden Verbrennungs-schlacken möglich). Da die einschlägige Industrie ohne den Einsatz von Sekundärroh- und Sekundärbrennstoffen nicht überlebensfähig ist, hat sich somit der Schwerpunkt von der Abfallentsorgung in den 1980ern hin zur Energie- und Rohstoffversorgung verlagert.
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